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ecoFavela Lampedusa-Nord

Interview mit Móka Farkas von der Künstlergruppe Baltic Raw zum Projekt „ecoFavela Lampedusa-Nord“

 

Im Sommer 2014 hatten wir, die Künstlergruppe Baltic Raw, auf dem Hamburger Kampnagel einen Nachbau der Roten Flora errichtet. Von Oktober 2014 bis Mai 2015 nutzten wir die hundert Quadratmeter große Holzhütte weiter unter dem Namen „ecoFavela Lampedusa-Nord“. So konnten wir in dieser kalten und nassen Jahreszeit sieben Geflüchteten aus der Lampedusa-Gruppe Unterkunft, Obdach und sozialen Schutz geben. Denn im Herbst wurden die Container-Unterkünfte auf dem Gelände der St.-Pauli-Kirche aufgelöst. Zudem war uns auch ein grundsätzliches solidarisches Zeichen wichtig: Flucht ist schließlich kein Verbrechen.

Zusammen mit den sieben Geflüchteten bauten wir den Flora-Nachbau zu einem bewohnbaren Haus um. Das Gebäude wurde so zu einem Energieeffizienzhaus, das von der öffentlichen Infrastruktur nahezu unabhängig ist. Bei der Auswahl der BewohnerInnen war es uns wichtig, dass sowohl Männer als auch Frauen einziehen und sie gewisse handwerkliche Fähigkeiten mitbringen – das gemeinsame Arbeiten war schließlich ein zentraler Aspekt. Die beiden Bedingungen kommunizierten wir an die Lampedusa-Gruppe. Über Crowdfunding konnten wir Gelder sammeln, und auch von Stiftungen wie :do erhielten wir finanzielle Unterstützung: für die Dämmung, die Inneneinrichtung, ökologische Sanitäranlagen oder für autarke Stromversorgung

Die Reaktionen von AnwohnerInnen, Kampnagel-BesucherInnen und -beschäftigten haben wir als positiv wahrgenommen. Von Gegenteiligem wurde uns nicht berichtet. So sammelten etwa die auf Kampnagel tätigen Techniker Geld für die laufenden Kosten. Zudem schlossen sich einige DeutschlehrerInnen zusammen, um täglich zwei Stunden Unterricht in der ecoFavela zu geben. Zwar gab es eine Strafanzeige durch den Hamburger AfD-Landesvorstand gegen die Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard wegen des „Verdachts der Beihilfe zu Ausländerstraftaten sowie des Verdachts der Untreue“, die vor kurzem auch zu einem förmlichen Ermittlungsverfahren durch die Hamburger Staatsanwaltschaft geführt hat. Das irritierte uns, doch die ecoFavela war dadurch niemals ernsthaft in Gefahr.

Durch die ecoFavela hat die Situation der sich seit 2013 in Hamburg befindenden Lampedusa-Gruppe wieder mehr mediale Aufmerksamkeit erfahren. Uns ist bewusst, dass unsere soziale Plastik zu keiner politischen Lösung geführt hat. Doch wir haben versucht, an den bestehenden Verhältnissen zu rütteln – und dabei auch pragmatische Unterstützung geleistet. Die Flüchtlinge genossen in der ecoFavela einige Rechte, die ihnen sonst vorenthalten werden: sie konnten hier arbeiten und unter Bedingungen wohnen, die ihnen Privatsphäre garantieren. Ohne Arbeitserlaubnis und Bleiberecht, in einem Flüchtlingslager, ist das nicht möglich. Eine Folgeprojekt für die ecoFavela ist bereits in Planung.

Das Interview führte Till Schmidt.

Die Künstler: www.balticraw.org [1]

Die Stiftung :do unterstützte die ecoFavela mit einer Spende über 1000 Euro.